Fahrt zum Croagh Patrick

Man muss nicht unbedingt Buße tun, aber wer etwas Außergewöhnliches machen will, kann sich dieser Herausforderung stellen.

Vom Haus fuhren wir zunächst über Woodford, Loughrea bis zu den Verteilern nach Galway, um dann auf die N 17 bis Claremorris über Castlebar nach Westport zu fahren. Aber wir sind dann auf die N 84 gekommen, die direkt nach Westport über Partry führt. Empfehlen kann ich diese Strecke nur geübten Achterbahnfahrern und Irlandfans, die die alten, engen, kurvenreichen Straßen noch solange „genießen“ wollen, bevor der letzte Rest aus dem Topf der EU geschöpft ist.

Schon von weitem sehen wir den 765 m hohen Berg, der seinem Aussehen nach auch ein Vulkan sein könnte und auf dessen Gipfel die irisch-katholischen Wallfahrer unter Schweiß und Schmerzen betend Buße tun. Als ob dieses freundliche und hilfsbereite Volk nicht schon Jahrhunderte lang genug gelitten hätte!

Da ich mich nicht so sündig fühlte und diesen beschwerlichen Weg auch nicht geschafft hätte, ging ich mit Brigitte nur bis zu der weißen Statue des Heiligen Patrick.

Der Croagh Patrick ist wohl der heiligste Berg Irlands, der von St. Patrick seinen Namen hat. Daher will ich auch zunächst etwas von St. Patrick wiedergeben.

St. Patrick war römischer Staatsbürger britischer Nationalität. Er wurde von Wegelagerern gefangen genommen, lebte viele Jahre in Irland als Sklave, konnte aber entfliehen und kehrte 432 als Bischof zurück. (Er starb 461)

Im Jahre 441 stieg er auf den Berg und erbaute dort eine Kapelle.

Der Sage nach befreite er Irland, nachdem er 40 Tage lang fastend und meditierend auf dem Gipfel gesessen hatte, von Schlangen, Kröten, Iltissen, Wieseln und Maulwürfen, indem er eine Glocke ins Meer warf und alles (giftige Getier) ins Meer folgte. Nun klappte das jedoch nicht mit einem Mal, daher brachte ein Engel ihm die Glocke immer wieder zurück, bis alle Schlangen und Kröten in Irland verschwunden waren.  

(Ich habe allerdings noch keinen Engel gesehen, der schwimmen kann, muss aber leider zugeben, dass ich überhaupt noch keinen gesehen habe.) Die Zoologen haben allerdings eine andere Erklärung:

Als sich nach der letzten Eiszeit die Gletscher zurückzogen und im mittleren und nördlichen Europa die Vehältnisse wieder besser für viele Pflanzen und Tiere wurde, sind diese den klimatischen bedingungen entspörechend nach Norden gezogen. Während zu Beginn noch eine Landbrücke zwischen Irland und dem großen Nachbarn (und etwas länger von England zum Kontinent) gegeben hat, ist diese vergleichweise schnell vom ansteigenden Meeresspiegel überflutet worden. Daher konnten noch allerlei landgebundene Arten zwar die große Britische Insel erreichen, die Irische See machte es aber den meisten Amphibien und Reptilien (inkl. der Schlangen) unmöglich, weiter nach Irland dem wärmeren Klima zu folgen. (Ingolf Kühn)

Übrigens habe ich unseren Caretaker Noel nach diesen Dingen gefragt, und er sagte, dass es in Irland tatsächlich keine Schlangen und Maulwürfe gibt. Ich selbst habe im Juni 2012 auf unserer Wiese zwei Kröten und einen Frosch gesehen.

Noch auf die 40 Tage zurückkommend, die St. Patrick auf dem Gipfel gefastet hat, fällt mir auf, dass auch Jesus und Buddha in der Einsamkeit 40 Tage gefastet und gebetet haben. (Wie sich doch die Mythen gleichen.)

Doch nun zum Croagh Patrick: Der Einstieg ist bei Murrisk auf der R 335, 10 Kilometer westlich von Westport in Richtung Louisburgh. Obwohl die meisten Pilger den Ursprung der Bräuche nicht mehr kennen (die Kelten huldigten hier wie an anderen Lugnasa-Plätzen ihrem Sonnengott Lug, wobei St. Patrick als Verkörperung des Lichts an seine Stelle trat), steigen am Girlandensonntag Reek oder Garland Sunday, das ist der letzte Sonntag im Juli (eigentlich ein heidnischer Termin), bis zu 25.000 Pilger zum Gipfel, viele barfuss und bis 1970 auch nachts, bevor es verboten wurde. (Blutige Taschentücher liegen am Weg.)

Der Aufstieg dauert zwei bis zweieinhalb Stunden und ist in der zweiten Hälfte der Strecke sehr mühsam und Kraft raubend, da es über steile Hänge mit losem Geröll geht.

Das Gestein des Croagh Patrick ist goldhaltig, und selbst bei einer Ausbeute von 15 Gramm Gold per Tonne Gestein wollte ein finnischer Unternehmer den Berg anbaggern. Zum Glück haben Umweltschützer und Gläubige das Vorhaben verhindern können. Der weiße Quarzit des Croagh Patricks wurde von prähistorischen Baumeistern sehr geschätzt.

Die Schilder Don’t Litter nehmen die Pilger leider nicht so ernst, und so war der Croagh Patrick lange die höchste Müllkippe Irlands.

Wenn man früh genug aus dem Hause fährt, ist die ganze Tour an einem Tag zu schaffen, wer aber noch einige Tage dranhängen will: Westport ist sehenswert, z.B. das Westport House, eines der wenigen noch bestehenden großen Häuser aus dem 18. Jh. Berühmt ist es für seine prachtvollen Stuckarbeiten, sein vorzügliches, altes Mobiliar und seine stattlichen Silber-, Glas- und Gemäldesammlungen. Sehenswert auch das historische Museum in Castlebar. Es zeigt den Besuchern die Realität des historischen Lebens, von den Handwerkern benutzte Werkzeuge, das Leben im Haus sowie in der Zeit von 1850 bis 1950 auf dem irischen Land gefertigte und getragene Kleidungsstücke.

Auch Achill Island, die schöne Halbinsel, ist nicht mehr weit.

Wir sind gefahren: Hinfahrt, wie am Anfang beschrieben, ca. 160 km, mehr als drei Stunden. Die Rückfahrt ab Murrisk R 335 über Westport, Castlebar, N 60 bis Claremorris, N 17 bis Galway über Loughrea nach Woodford. Die Rückfahrt ist etwas weiter als die Hinfahrt, fast zeitgleich, jedoch sehr bequem zu fahren, da die N 17 immer geradeaus geht. 

 © Günter Kühn